Nordlicht: Viele junge Ärzte entscheiden sich gegen eine eigene Praxis und ziehen ein Angestelltenverhältnis vor. Sie setzen dagegen auf ein „Comeback der Selbständigkeit“. Warum gehen Sie von einer Trendwende aus?

Ulrich Sommer: Die Formen der selbständigen Berufsausübung für Mediziner werden immer facettenreicher und bieten Ärzten mit unterschiedlichen Lebensentwürfen attraktive Optionen. In eigener Praxis tätig zu sein, bedeutet in der Regel mehr Flexibilität bei der Arbeitszeitgestaltung, viel Gestaltungspotenzial im beruflichen Umfeld und viele Freiräume für die Selbstverwirklichung. Damit werden genau die Bedürfnisse bedient, die der jungen Heilberufsgeneration wichtig sind. Dass Selbständigkeit eine gute Entscheidung ist, sagen schließlich auch die Heilberufler selbst: Laut unserer Umfrage „Chance Niederlassung“ würden 90 Prozent der Selbständigen den Schritt in die Niederlassung noch einmal vornehmen, stünden sie erneut vor dieser Entscheidung.

Nordlicht: Praxisinhaber verdienen in der Regel besser als angestellte Ärzte. Insolvente Praxen gibt es so gut wie keine. Trotzdem wird als Argument gegen eine Praxisübernahme oder eine Praxisgründung immer wieder das angeblich hohe finanzielle Risiko genannt. Was sagen Sie als Banker dazu?

Sommer: Das ist ein Vorurteil, das in den Vordergrund rückt, weil eine Existenzgründung in der Regel einer Finanzierung bedarf. Doch mit einem guten Praxiskonzept birgt sie kaum Risiken. Unsere Zahlen liefern dafür schlagkräftige Argumente: Die Kreditausfälle unter den Existenzgründern sind mit 0,2 Prozent äußerst selten. Insgesamt ist die wirtschaftliche Situation der Niedergelassenen sehr solide und meist deutlich besser als die der angestellten Ärzte. Etwa 60 Prozent der Inhaber von Einzelpraxen erzielten 2014 einen Überschuss, der über dem durchschnittlichen Gehalt eines Oberarztes lag.


Nordlicht: Die finanziellen Rahmenbedingungen scheinen also zu stimmen. Trotzdem sehen viele Nachwuchsmediziner die Selbständigkeit als Auslaufmodell. Hat sie ein Imageproblem?

Sommer: Da kommen wohl mehrere Faktoren zusammen: Offenbar hat tatsächlich das Image der eigenen Praxis etwas gelitten, da die Berufsverbände im Rahmen der berechtigten Forderungen nach einer angemesseneren Vergütung vor negativen Entwicklungen lautstark gewarnt haben. Dabei blieben die positiven Aspekte häufig außer Acht. Auf der anderen Seite hat sicherlich auch die massive Regulierung vonseiten der Gesetzgeber in den letzten Jahren für Unmut und Unsicherheit im heilberuflichen Umfeld gesorgt. Diese Entwicklungen rufen viel Skepsis bei der nachkommenden Ärztegeneration hervor, wenn es darum geht, sich für die Selbstständigkeit zu entscheiden.

Nordlicht: Was würden Sie einem Existenzgründer sagen, der Sie mit seinen Vorbehalten und Sorgen konfrontiert?

Sommer: Ich würde ihm Mut machen, denn Selbstständigkeit ist eine sehr spannende Option, den Arztberuf auszuüben. Sie bedeutet nämlich: Ich kann meine Praxis so führen, wie ich das möchte. Ich kann so arbeiten, wie ich es für richtig halte. Ich entscheide, welche Materialien oder Geräte ich einsetze. Und aus Erfahrung wissen wir, dass Beruf und Familie sich gerade in der Niederlassung miteinander vereinbaren lassen. Denn im Rahmen von Kooperationen, Teilzulassung oder Jobsharing kann das sogar einfacher gelingen als in einer Anstellung. Was die unternehmerische Verantwortung betrifft, sehen wir uns als Bank der Heilberufler in der Pflicht und bieten gemeinsam mit unseren Netzwerkpartnern eine umfangreiche Unterstützung, wenn es um finanzielle und betriebswirtschaftliche Fragen geht.

Nordlicht: Findet denn jeder Mediziner nur in der eigenen Praxis sein Glück?

Sommer: Das kann nur jeder individuell für sich beantworten. Es ist sicherlich auch eine Frage der Persönlichkeit und der Bereitschaft, auch unternehmerisch tätig zu sein. Es geht nicht darum, jeden Arzt für die Niederlassung zu gewinnen, und für viele ist die Anstellung die passendere Form der Berufsausübung. Doch für die Sicherung einer umfassenden Gesundheitsversorgung ist es wichtig, diejenigen zu unterstützen, die der Selbständigkeit offen gegenüberstehen, den Weg in die Niederlassung aber aufgrund der bereits genannten Vorbehalte scheuen. Zwar stehen heute den Medizinern vielfältige Möglichkeiten einer Niederlassung offen, allerdings wissen wir, dass jeder vierte Heilberufler darüber nicht entsprechend aufgeklärt ist und sie auch nicht bei seiner Entscheidung berücksichtigt. Hier können wir einen Beitrag für einen adäquaten Wissenstransfer leisten. Denn eine Zweier- oder Dreier-Berufsausübungsgemeinschaft kann beispielsweise eine attraktive Option sein, sowohl für die, die als Selbständige arbeiten wollen, als auch für die, die das Angestelltenverhältnis bevorzugen. In solchen Gemeinschaften sind Teilzeitmodelle möglich, die Ärzte können sich gegenseitig vertreten und benötigte Freiräume schaffen.

Nordlicht: Viele Existenzgründer sind betriebswirtschaftliche Laien und wünschen sich nicht nur vor, sondern auch nach der Niederlassung in diesem Bereich Unterstützung. Wie geht die apoBank auf das Bedürfnis nach unternehmerischem Know-how ein?

Sommer: Die Betreuung der niedergelassenen Heilberufler gehört zu unserem Kerngeschäft. So haben wir im Laufe der Jahre ein Know-how im Gesundheitswesen aufgebaut, das uns erlaubt, für jeden einzelnen unserer Kunden größtmögliche Unterstützung zu organisieren. Unsere spezialisierten Berater, unser Seminarangebot und unsere Netzwerkpartner begleiten die Ärzte entlang ihrer beruflichen Karriere, und zwar nicht erst bei der Existenzgründung, sondern auch als Entscheidungshilfe davor und ebenso danach, bis zur Praxisabgabe.

Nordlicht: Wie kann es gelingen, in Zukunft wieder mehr Ärzte für eine selbständige Tätigkeit in eigener Praxis zu begeistern?

Sommer: Es ist das eine, die Vorteile der Niederlassung in der öffentlichen Diskussion wieder mehr in den Vordergrund zu rücken. Es ist schließlich aber auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Mediziner nicht aufhören, eigene Praxen zu gründen. Denn die niedergelassenen Ärzte sind für eine gut funktionierende, flächendeckend ambulante Gesundheitsversorgung unentbehrlich. Und diese steht aktuell durch gesellschaftliche und technologische Entwicklungen vor großen Herausforderungen: Der demografische Wandel sorgt für höhere Morbidität und eine zunehmende Anzahl an Behandlungsfällen, der medizinische Fortschritt für immer bessere Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten. Wenn wir also künftig von Selbständigkeit sprechen, dann sollte es in erster Linie um die Chancen auf Entfaltung, Selbstverwirklichung und Gestaltungsfreiheit gehen. Diese Attribute sollten wieder in den Fokus unserer Diskussionen rücken. Ich hoffe, dass es uns gelingt, die jungen Ärzte für die Selbständigkeit zu begeistern, und dass wir es schaffen, sie schon möglichst früh in ihrem Entscheidungsprozess zu begleiten. Das kann uns nur zusammen mit den Standesorganisationen gelingen. Die ersten Initiativen laufen bereits an, und ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam viel bewegen können!