Dr. Karin Erasmi hat sich ihren Traum erfüllt. Die 46-Jährige Fachärztin für Anästhesie meisterte den Quereinstieg in die Allgemeinmedizin und eröffnete in Flintbek eine neue Hausarztpraxis. Im Nordlicht-Interview berichtet sie von ihrem hindernisreichen Weg zur eigenen Praxis.

Nordlicht: Wie lief die Startphase Ihrer Praxis?
Dr. Karin Erasmi: Sehr engagiert, aber auch etwas chaotisch, denn der Praxisstart fiel durch eine Verzögerung mitten in die Bauphase. Verschieben konnten wir ihn nicht, denn der Eröffnungstermin am 1. April 2013 war gesetzt, entsprechend kommuniziert und die Patienten haben auf uns gewartet. Letzten Endes ist aber alles gut gelaufen und wir hatten im ersten Quartal schon 300 Patienten. Für eine neue Praxis ein sehr guter Wert. Es kamen jung und alt, darunter viele junge Mütter mit ihren Kindern aus den Neubaugebieten Flintbeks, aber auch viele alleinlebende ältere Frauen.

Nordlicht: Warum haben Sie sich für den ländlich geprägten Standort Flintbek entschieden?
Erasmi: Ich wohne selbst seit fast sieben Jahren in der Region, bin aber die ganze Zeit nach Lübeck gependelt und deshalb nie richtig hier angekommen. Das wollte ich ändern. Es war daher eine ganz bewusste Entscheidung von mir als Hausärztin aufs Land zu gehen. Außerdem mag ich die bodenständige und naturverbundene Art der hier lebenden Menschen. Ich gehe gerne mit der Arzttasche zum Hausbesuch auf einen Bauernhof. Eine Standortanalyse ergab zudem viele günstige Faktoren: Mehrere Neubaugebiete mit jungen Familien, ein engagierter, junger Bürgermeister und eine sehr aktive Wirtschaftsgemeinschaft vor Ort. Ich spürte, dass man hier etwas bewegen will. Außerdem gab es zwar vier männliche Kollegen in Flintbek, aber noch keine Ärztin.

Nordlicht: Was reizt Sie an der freiberuflichen Tätigkeit in der eigenen Hausarztpraxis?
Erasmi: Mich reizen Selbstbestimmung und Autonomie. Mich reizt es Dinge zu gestalten, umzusetzen und dabei meinen eigenen Weg zu gehen. Mich reizen vernetzte Arbeit und Kommunikation auf Augenhöhe mit den anderen Kollegen aus dem ambulanten Bereich. Mich reizt es, in meiner Praxis mehr zu leisten als qualitativ und handwerklich gute Medizin. Ich bin mit vielen anderen spannenden Themen wie Personalführung, Team- und Mediengestaltung und Betriebswirtschaft befasst. Außerdem kann ich meine Arbeitszeiten selbst einteilen und bin nicht Sklave eines Dienstplans oder anderer hierarchischer Strukturen wie sie in der Klinik bestehen. Den besonderen Wert der Hausarztmedizin macht für mich dabei aus, dass hier quasi allumfassendes Wissen gefordert ist. Mein jüngster Patient ist vier Monate, meine älteste Patienten 101 Jahre alt. Die Spannbreite der Fälle ist also sehr hoch.

Nordlicht: Warum wählten Sie die Form einer Praxisneugründung und nicht die Übernahme einer bestehenden Praxis?
Erasmi: Das ist unüblich, doch eine alte und überteuerte Praxis wollte ich nicht übernehmen. Kooperationen mit Kollegen vor Ort, die ich durchaus angestrebt habe, zerschlugen sich und kamen auch nicht in Frage. Ich wollte von Anfang an neue Strukturen, selbstbestimmt arbeiten und Chefin sein. Da kam eigentlich nur noch eine Neugründung in Frage. Die ist zwar sehr risikoreich, zumal ich das ganze Projekt komplett fremdfinanziert habe, aber das schreckt mich nicht. Ich arbeite sehr gerne und sehr viel, wenn die Arbeitszufriedenheit so stimmt wie jetzt. Ich empfinde es jeden Tag als echten Luxus, dass ich mir meinen eigenen Arbeitsplatz zu den Bedingungen einrichten konnte, die mir entsprechen.

Nordlicht: Was waren die größten Schwierigkeiten bei der Neugründung?
Erasmi: Ein wenig Irrsinn gehörte von Anfang an dazu, denn als Neugründerin einer Arztpraxis passte ich anscheinend in keine Schublade. Dramatisch waren vor allem die Umstände der Finanzierung. Ich musste ein sehr hohes Darlehen im sechsstelligen Bereich aufnehmen. Das Geld wurde mir zuerst zwar prinzipiell auch bewilligt, aber kurz vor der entscheidenden Unterschrift bemerkte ich einen Passus im Vertrag, wegen dem ich nicht unterschreiben konnte. Ich musste also innerhalb von einer Woche eine sehr hohe Summe auf eigene Faust organisieren. Letztlich halfen mir zwei liebe Menschen mit einem Privatdarlehen aus: Meine Schwiegermutter und ein guter Freund. Dann waren noch 19 weitere Telefonate mit der Bank nötig, bevor letztlich alles in trockenen Tüchern war. Den Zuschlag bekam eine Bank aus der Region Flintbek.

Nordlicht: Wie kamen Sie auf die Idee, fachlich noch einmal von der Anästhesie Richtung Allgemeinmedizin umzusatteln?
Erasmi: Unlust am Fach war es eindeutig nicht, denn ich war 20 Jahre lang leidenschaftlich gerne Anästhesistin. Mich reizte vor allem die Chance, mich selbstständig zu machen. Ich wollte noch einmal etwas Neues erfahren und Kapitän statt Matrose sein. Ich organisiere und manage gerne und das wollte ich einbringen. Ich bin Mitte vierzig und hatte genug davon, in der Klinik Dinge umsetzen zu müssen, von denen ich nicht immer hundertprozentig überzeugt war. Die medizinische Versorgung des Patienten hat mir nicht mehr gereicht, denn ich hatte als Anästhesistin ja immer nur einen kleinen Ausschnitt, wollte aber ein größeres Bild vom behandelten Menschen und seinen Lebensumständen. Ich erfuhr z. B. nie, was aus den Patienten nach der Operation wurde und wie ihre poststationäre Versorgung aussah. In der Klinik fehlte oft die Zeit für Gespräche mit Kollegen und Patienten und das hat mich unzufrieden gemacht. Die Allgemeinmedizin hielt ich als Fachgebiet für eine hochspezialisierte Generalistin, die ich als Anästhesistin ja bin, für sehr gut geeignet. Der Quereinstieg machte für mich in jeder Hinsicht Sinn.

Nordlicht: Wie hoch war der Aufwand des Quereinstiegs und wie haben Sie ihn zeitlich und organisatorisch bewältigt?
Erasmi: Der Aufwand war sehr hoch. Ich habe viel gearbeitet, nebenbei zwei Kinder versorgt und in einer anderen Stadt gewohnt. Das alles unter einen Hut zu bringen, war nicht einfach, denn ich habe lange Zeit quasi in zwei Parallelwelten gelebt. Um auf meine vorgeschriebenen Stunden in der Allgemeinmedizin zu kommen, musste ich zwischen 60 und 70 Stunden in der Woche arbeiten. Zum Glück hatte ich die Unterstützung meiner Familie, meines damaligen Klinikchefs Prof. Peter Schmucker und meines hausärztlichen Ausbilders Dr. Hilmar Keppler. Wir waren mehr als einmal kreativ, um alles unter einen Hut zu bekommen.

Nordlicht: Ist der Quereinstieg in die Allgemeinmedizin aus Ihrer Sicht ein geeignetes Mittel, um dem Ärztemangel in ländlichen Gebieten entgegenzuwirken?
Erasmi: Das könnte so sein, wenn der Quereinsteig begleiteter und besser strukturiert wäre. Er gibt viele Kollegen, die geeignete Qualifikationen mitbringen. Gerade ärztliche Kolleginnen hätten sicherlich daran Interesse. Er müssten aber ganz dringend andere Gelder zur Überbrückung her, denn kein Quereinsteiger mit 40, der ein Klinikgehalt gewohnt ist, kann sich den Umstieg finanziell leisten. Die 3.500 Euro Fördergeld sind zwar gut und schön, aber am Ende bleiben davon ja nur 2.000 Euro übrig. Da müssen sie notgedrungen parallel arbeiten, was nur schwer durchzuhalten ist. Ich habe das gemerkt, als ich meine Facharztprüfung geschafft hatte und mich viele Kollegen darauf ansprachen, wie ich das gemacht habe. Die Bereitschaft viel zu arbeiten, muss also vorhanden sein. Viele hatten zwar prinzipiell Interesse am Quereinstieg, aber auf paralleles Arbeiten hatte niemand Lust. Es fehlen dafür einfach die nötigen Zeitfenster. Für einige Fachgruppen ist der Quereinstieg schwer zu bewältigen, weil zuviel Fachwissen dazu gelernt werden muss. Für die Anästhesie gilt das nicht. Leider nehmen wir durch den Quereinstieg aber letztlich auch wichtige Fachkräfte weg, die an den Kliniken ebenso dringend gebraucht werden. Der Quereinstieg ist also nur ein kleines Instrument mit sehr begrenzter Breitenwirkung. Ich glaube eher, dass wir früher ansetzen und den Hausarztberuf schon für junge Kollegen attraktiver machen müssen. Zum Beispiel dadurch, dass man den ärztlichen Nachwuchs möglichst schnell mit der Hausarztmedizin in Kontakt bringt und die Attraktivität des Hausarztberufes für die jungen Mediziner konkret erfahrbar macht. Mir ist das selbst sehr wichtig und meine Praxis ist deshalb auch Lehrpraxis an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Falls sich jemand für den Quereinstieg in die Allgemeinmedizin interessiert, stehe ich übrigens gerne als Mentorin mit Rat und Tat zur Verfügung.
Das Interview führte Jakob Wilder, KVSH