Dr. Anja Hollandt – Langsam hineingewachsen - Mehr.Arzt.Leben!

Praxiseinblicke

Einblick in die Praxis!

Dr. Anja Hollandt

Langsam hineingewachsen

Dr. Anja Hollandt, Fachärztin für Allgemeinmedizin führt eine eigene Praxis in Travemünde. Vorher war sie sechs Jahre lang mit unterschiedlicher Stundenzahl als angestellte Ärztin täti

Gemeinschaftspraxis
Travemünde
Allgemeinmedizin
Nein

Was sprach in Ihrer Lebensplanung lange Zeit für die Arbeit als Angestellte?

Dr. Anja Hollandt: Während meiner Weiterbildungszeit konnte ich problemlos Teilzeit arbeiten. Das änderte sich, als ich meine drei Kinder bekommen hatte, denn danach arbeitete ich wieder Vollzeit. Ich blieb also immer flexibel und konnte meine Arbeitszeit der familiären Situation anpassen. Als die Kinder klein waren, kam es für mich nicht in Frage mich niederzulassen oder Vollzeit zu arbeiten. Ich habe mich in den Bereichen Praxisführung, Finanzen und Abrechnung aber auch viel zu unsicher gefühlt, um den großen Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.

Warum haben Sie sich doch für eine eigene Praxis entschieden?

Hollandt: Ich habe viele Jahre als angestellte Ärztin in einer Praxis gearbeitet und bin dadurch automatisch immer mehr in die Abläufe hineingewachsen. Ich hatte immer meine „eigenen“ Patienten und fühlte mich „als ob“ ich niedergelassen bin. Die Zeit war nun reif, den letzten Schritt zu machen. Man kann als Angestellter zwar viele Dinge beeinflussen, aber die letzte Entscheidung liegt eben doch beim Chef und der wollte ich gern selbst sein. Vielleicht ist es auch ein Stück weit eine Alters- bzw. Erfahrungsentscheidung. Ich fühlte mich einfach bereit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Außerdem kannte ich die Praxis und wusste, worauf ich mich einlasse.

War das auch eine bewusste Entscheidung für die freiberufliche Tätigkeit?

Hollandt: Ja, denn das Ziel, irgendwann eine eigene Praxis zu führen, hatte ich immer im Hinterkopf. Es wurde durch die Phase der Anstellung nur aufgeschoben. In ärztlicher Hinsicht konnte ich schon immer frei entscheiden, aber in Bezug auf Praxisorganisation und Personal kann ich das erst jetzt, wo ich die Praxis selbst führe und an den Stellschrauben drehen darf.

Hat sich der Schritt gelohnt?

Hollandt: Ja, mit der Praxisübernahme ist eine neue positive Form von Verantwortung hinzugekommen. Das ist reizvoll, aber manchmal auch anstrengend. Das „Chefsein“ erfordert viel Umsicht, denn letztlich sollen ja alle in der Praxis Tätigen zufrieden sein und nicht nur ich.
Freiberuflich tätig in der eigenen Praxis oder angestellt arbeiten? Welcher Form gehört die Zukunft?
Hollandt: Beide Formen haben ihre Berechtigung und werden parallel existieren. Für die vielen jungen Frauen, die jetzt nachrücken, bleibt die Angestellten- bzw. Teilzeitvariante sehr attraktiv. Das muss aber nicht bedeuten, dass diese Frauen in einer späteren Lebensphase nicht doch eine eigene Praxis übernehmen möchten, wenn die Rahmenbedingungen es zulassen.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, eine Art „Gründerboom“ im niedergelassenen Bereich zu initiieren, was würden Sie tun?

Hollandt: Bei vielen Ärzten ist die Angst vor der betriebswirtschaftlichen Komponente einer Praxisübernahme immer noch weit verbreitet. Universitäten, Ärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung sollten hier als unabhängige Dienstleister auftreten, Fortbildungen, Seminare und Schulungen anbieten und dieses Feld nicht allein den Banken überlassen. Gleiches gilt für die Kernkompetenz Mitarbeiterführung, die ja auch nicht jedem gleich mit in die Wiege gelegt wird.
Dr. Thyra Caroline Bandholz: Das ist sehr abhängig von der Fachrichtung und der Struktur, in der eine Niederlassung angestrebt wird. Für Fachrichtungen, in denen häufig Notfallsituationen auftreten oder die Tätigkeit in einer großen Einzelpraxis, trifft es sicher zu, dass sich die Betreuung der Kinder und die Patientenversorgung schwerer koordinieren lassen. Aber grundsätzlich sind Familie und Beruf in der ärztlichen Niederlassung häufig viel einfacher zu vereinbaren, als dies in vielen Kliniken der Fall ist. Die Familienplanung ist aber nur ein Aspekt der Gründe für Abwanderung in alternative Berufsfelder und ins Ausland. Es zeigt sich ein genereller Trend, verkürzt arbeiten zu wollen. Dies ist in den bisherigen Strukturen unseres Systems nicht immer zu realisieren.

Was muss noch geschehen, um die Niederlassung gerade für Frauen attraktiver zu machen? Immerhin sind zwei Drittel der Medizinstudierenden weiblich.

Bandholz: Ich finde, wir haben einen der schönsten Berufe. Vielleicht sollten wir Niedergelassene unsere Freude an der Arbeit in der Praxis und unsere berufliche Zufriedenheit besser nach außen kommunizieren. Ich habe beobachtet, dass die vielen positiven Aspekte des Arztberufes bei Diskussionen in der Öffentlichkeit häufig etwas zu kurz kommen. Wir haben in der Niederlassung eigene Gestaltungsmöglichkeiten und damit können gerade Frauen häufig sehr kreativ umgehen. Diese Informationen lassen sich am besten im persönlichen Gespräch vermitteln. Wir müssen beispielsweise im Rahmen von Praxisnetzen, Qualitätszirkeln und Stammtischen versuchen, den Kontakt zwischen den Generationen herzustellen. Eine gute Kinderbetreuung ist selbstverständlich ein wichtiger Punkt. Nur wenn das gewährleistet ist, kann man beruhigt und mit gutem Gewissen zur Arbeit gehen.

Was raten Sie jungen Ärztinnen, wenn diese mit dem Gedanken spielen, sich in einer eigenen Praxis niederzulassen?

Bandholz: Frühzeitig Kontakt mit niedergelassenen Kollegen aufzunehmen und sich auszutauschen, um ein besseres Gefühl dafür zu entwickeln, was es bedeutet niedergelassen tätig zu sein.