Gloria Lawrenz kümmert sich als Weiterbildungsbeauftragte des Vorstandes der KVSH um die Belange der Ärzte in Weiterbildung. Die Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin aus Alt Duvenstedt (Kreis Rendsburg-Eckernförde) erläutert aktuelle Entwicklungen und das Online-Projekt „ Planspiel Niederlassung“.

Nordlicht: Bei der Ansprache des medizinischen Nachwuchses setzen Sie besonders auf die Kreisstellen. Treffen auf kollegialer Ebene und regionale Veranstaltungen sollen Licht in die Blackbox „Niederlassung“ bringen. Wie hat dieser Ansatz bisher funktioniert?

Gloria Lawrenz: Bei rund der Hälfte der Kreisstellen sehr gut. Dort ist die Idee, die Weiterbildungsassistenten enger an die Kreisstellen zu binden, sehr positiv aufgenommen worden. Es haben Auftakt- und auch schon Folgeveranstaltungen stattgefunden. Aber leider hat die andere Hälfte der Kreisstellen bisher kein Interesse signalisiert. Neu ist aber, dass jetzt alle Kreisstellen quartalsweise die aktuellen Kontaktdaten der Weiterbildungsassistenten aus ihrer Region bekommen, sodass sie diese zu Veranstaltungen einladen oder direkt Kontakt zu ihnen aufnehmen können. Was vor Ort daraus gemacht wird, liegt in der alleinigen Verantwortung der Kreisstellen. Ich helfe sehr gern bei Themenauswahl oder Organisation und biete meine Hilfe an.

Nordlicht: Welche Aktionen sind in den Kreisstellen geplant?

Lawrenz: Für 2019 momentan leider noch keine. Das ist aber ein zeitliches Problem, da ich jetzt auch Vorträge für das Kompetenzzentrum für Allgemeinmedizin halte, überwiegend aus dem Bereich der psychischen Erkrankungen, die für Allgemeinmediziner relevant sind. Ein häufiger Wunsch, den die Weiterbildungsassistenten an mich richteten, war es, mehr Veranstaltungen nördlich des Kanals zu organisieren. Der Weg nach Bad Segeberg ist für viele doch sehr weit. Die Idee dieser sogenannten „Nordlichter-Veranstaltungen“ werde ich auf jeden Fall weiter verfolgen. Viermal im Jahr finden Trainee-Veranstaltungen statt. Sie werden gemeinsam mit der Ärztekammer organisiert und sind für alle Fachrichtungen der Weiterbildungsassistenten offen. Wir haben eine der Veranstaltungen nach Schleswig geholt, um so die Wege für viele zu verkürzen.

Nordlicht: Sie sind in die Entwicklung einer Spiele-App eingebunden, die der jungen Zielgruppe die Punkte „Niederlassung“ und „Praxisführung“ vermitteln soll. Was genau steckt dahinter?

Lawrenz: Gemeinsam mit Vertretern von sieben weiteren KVen konzipieren wir momentan das „Planspiel Niederlassung“. Bei der Konzeption der App haben wir uns die Frage gestellt, was die neue Ärztegeneration davon abhält, sich niederzulassen. Wir sind dabei übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, dass es vor allem Befürchtungen, Mutmaßungen und Vorurteile sind, die oft auf schlichtem Nichtwissen beruhen. Wir haben also alles aus diesen Bereichen gesammelt, was wir von Weiterbildungsassistenten immer wieder hören. Dann haben wir uns eine virtuelle Praxis ausgemalt, die von einem Avatar, den man selbst konzipieren kann – also Mann oder Frau, Einzelpraxistyp oder Berufsausübungsgemeinschaft, Stadt oder Land – durchlaufen wird. Der Avatar trifft dort auf verschiedene „Events“ und „Problemstellungen“, die er/sie lösen muss. Vorbild ist dabei immer das „richtige Praxisleben“.

Nordlicht: Welche Situationen werden „durchgespielt“?

Lawrenz: Ein Beispiel aus der Praxis: Ich habe eine bestimmte Anzahl an Patienten und verdiene damit eine Summe X. Wie investiere ich das Geld? In die Renovierung der alten Praxis, die ich übernommen habe oder doch lieber in Personal oder neue Geräte. Das Spiel gibt dann im Verlauf eine Rückmeldung, wohin mich meine Entscheidung als Praxisinhaber am Ende geführt hat. Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Angst vor Regressen. Auch so ein nicht so erfreuliches „Event“ kommt vor, wenn ich nicht auf meine Verordnungen aufgepasst habe. Das Vorurteil wird aber „entzaubert“: Regresse kommen real sehr selten vor, weil die KV die Niedergelassenen gut berät und ihnen das richtige Handwerkszeug zur Verfügung stellt. Oder es taucht die Frage auf, wie viel Personal ich brauche und wel-che Qualifikation es haben muss. Auch das Thema „Personal-führung“ wird durchgespielt. Welches Wissen brauche ich als „Chef/in“? Oder das Vorurteil „Niederlassung lohnt sich finanziell nicht und ist langfristig unsicher zu kalkulieren“. Wir zeigen auf, dass man als Niedergelassener gut verdienen kann. Vor allem, wenn man bedenkt, dass man ja seine Praxis nicht völlig frei auf dem Gesundheitsmarkt führt, sondern immer unter dem „schützenden Dach“ der KVen arbeitet. Ebenso die häufig geäußerte Befürchtung, „man hat keine Freizeit mehr“. Das trifft gerade bei uns in Schleswig-Holstein, wo wir seit über zehn Jahren einen flächendeckenden, geregelten ärztlichen Bereitschaftsdienst haben, nun wirklich nicht mehr zu.

Nordlicht: Welche Besonderheiten gibt es sonst noch?

Lawrenz: Das „Planspiel Niederlassung“ kann auf iPad oder Smartphone online gespielt werden. Es ist öffentlich und kostenfrei. Man kann es allein spielen oder in einer Gruppe, um z. B. eine Berufsausübungsgemeinschaft zu simulieren. Es sind auch Kooperationen mit anderen Praxen möglich. Man kann das Spiel auch unterbrechen und später weitermachen, denn das Planspiel hat kein wirkliches Ende. Es gibt dem Nutzer stets Rückmeldung über sein Handeln und die daraus entstehenden Konsequenzen. Der Spieler kann auch Kontakt zur jeweiligen KV herstellen. Außerdem wird es sogenannte „Deep Links“ geben, die helfen, sein Wissen zu vertiefen.

Nordlicht: Wer „baut“ das Spiel?

Lawrenz: Wir haben nach einer europaweiten Ausschreibung mittlerweile einen sehr kompetenten Spiele-Anbieter gefunden, der nun gemeinsam mit uns das „Planspiel Niederlassung“ konzipieren wird. Da die Entwicklung, aber auch die nachgeschaltete Pflege, Updates, Werbung, Serverkapazitäten etc. eines derart komplexen Spieles nicht für ein paar Euro zu haben ist, haben wir beschlossen, das Projekt finanziell auf breitere Füße zu stellen. Wir haben das Projekt deshalb rechtlich in die Hände des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung gelegt und damit alle KVen finanziell beteiligt. Es ist auch allen zugänglich. Vorher waren es nur acht KVen, die das finanziell stemmen wollten. Also ein logischer Schritt. Wir waren uns alle einig: Entweder wir bringen etwas Vernünftiges und Nachhaltiges auf den Weg oder wir lassen es lieber.

Nordlicht: … und wann wird alles fertig sein?

Lawrenz: Das Spiel wird in etwa neun bis maximal zwölf Monaten fertig sein, wenn alles glatt läuft. Ich hoffe sehr, dass dieses Projekt Interesse weckt, viele Vorurteile und Hemmschwellen zum Thema Niederlassung mindert und Mut macht, diesen Schritt zu tun. Selbstständigkeit unter dem Dach einer auch schützenden KV ist einfach etwas Tolles. Selbst wenn poli-tische Vorgaben das eigene Tun begrenzen, bleibt immer noch viel Gestaltungsmöglichkeit, sich eine zutiefst befriedigende Arbeitswelt aufzubauen.

Das Interview führte Jakob Wilder, KVSH