Wer hausärztlichen Nachwuchs haben will, muss den Charme und die Chancen des Berufes möglichst gut an die Medizinstudierenden vermitteln.

Das geschieht in den rund 250 akademischen Lehrpraxen in Schleswig-Holstein, in denen das Blockpraktikum gemacht werden kann. Ein Erfahrungsbericht zeigt, wie das gelingen kann. Im Rahmen des Medizinstudiums an der Universität zu Lübeck findet regulär im 9. oder 10. Fachsemester für jeden Studierenden das verpflichtende Blockpraktikum Allgemeinmedizin statt. Es ist ein zehntägiges Praktikum in einer Hausarztpraxis. Zusätzlich finden über das gesamte Semester wöchentlich Seminare statt, in denen die wesentlichen medizinischen, aber auch soziale und ökonomische Komponenten der Allgemeinmedizin teils praktisch, teils theoretisch, erarbeitet werden. Als Abschlussprüfung dient eine OSCE (Objective structured clinical examination) -Prüfung, in der anhand klinischer Fälle das theoretische Wissen, die kommunikativen Fertigkeiten und die praktischen Fähigkeiten abgeprüft werden. Jede der fünf vom Studierenden zu durchlaufende Station ist dabei mit einem Simulationsdarsteller*in und einem Arzt*in besetzt, die einem nicht nur Noten, sondern vor allem ein Feedback geben.

Breites Spektrum an Lehrpraxen

Die Vorbereitung des Studierenden für das Praktikum startet mit der Einschreibung in eine der insgesamt 65 Lehrpraxen des Instituts. Diese bieten zu verschiedenen Zeiträumen in der vorlesungsfreien Zeit oder im Semester Termine, passend zu den Plänen der Praxis an. Dabei ist das Spektrum von einer klassischen Einzelpraxis bis zu großen Praxen mit unterschiedlichen Kooperationsformen, weit gefächert. Auch die räumliche Vielfalt findet sich im Angebot wieder. Neben Praxen in Lübeck kann man sich auch für Praxen in ländlicheren Regionen bis hin zur Nordseeküste entscheiden. Diese werden mit Informationen über Kontaktmöglichkeiten, die Schwerpunkte der jeweiligen Praxis und Anforderungen und Angeboten an die Studierenden bei der Einschreibung auf der Informationsplattform der Universität vorgestellt.

Hilfestellung durch das Institut

Barrieren, wie eine schlechte Anbindung mit dem Nahverkehr oder das fehlende eigene Auto können im Vorfeld mit Unterkünften vor Ort oder dem zur Verfügung gestellten Dienstauto des Instituts für Allgemeinmedizin gelöst werden. Die Möglichkeit das (medizinische) Leben außerhalb der Stadt kennenzulernen wird von einigen Studierenden geschätzt, die dafür gezielt ein früheres Aufstehen und eine unbequemere Anreise in Kauf nehmen. Das besondere des Praktikums ist in jedem Fall die 1:1 Betreuung zwischen Studierenden und Facharzt, die in dieser Intensität so selten im Studium stattfindet. Vor dem Start in die zwei Wochen kann man im persönlichen Gespräch offene Punkte klären und Erwartungen an das Praktikum sowie Erwartungen der Praxis an den Studierenden abgleichen.

Erste Erfahrungen sammeln

Für mich ging die Reise nach Oldenburg in Holstein in eine Gemeinschaftspraxis mit zwei Ärzten für Allgemeinmedizin und einer Ärztin in Weiterbildung. Ich hatte schon beim ersten Kontakt einen guten Eindruck gewinnen können und konnte dadurch ohne weitere Umschweife in meinen ersten Tag starten. Ein eigener Raum für die Studierenden, um zunächst selbst eine Anamnese und körperliche Untersuchung durchzuführen und anschließend mit dem Arzt die Ergebnisse zu besprechen, sollte jede Lehrpraxis vorhalten können. Auch ich habe es sehr geschätzt die Chance zu bekommen, so weit wie möglich selbstständig zu arbeiten. So war die erste körperliche Untersuchung, Impfen, Blutabnehmen und auch immer mal wieder eine eigene Anamnese meine Aufgaben. Es ergaben sich aber gerade in dem letzten Punkt, der Anamnese die zwar naheliegende aber aus den Erfahrungen im Krankenhaus nicht erlebte Besonderheit, dass zwischen dem Hausarzt und seinen Patienten eine Beziehung existiert, man sich „halt kennt“, und so ein Studierender gelegentlich aus Sicht des Patienten in den Hintergrund rückt. Dennoch war dies ein erster spannender Einblick in die Themen „Beziehungsmedizin“ und „Kontinuität der Versorgung“.

Hausbesuche inklusive

Zwischendurch bleibt man natürlich auch von der ein oder anderen Quiz-Frage nicht verschont und kann entweder mit seinem Wissen aus Seminaren, anderen Fächern oder über klassische Musik glänzen oder nicht…, was aber keinerlei weitere Auswirkungen hat und einem nicht den Spaß nimmt.

Eine andere Seite des Arbeitsalltags konnte ich auch schon am ersten Tag erleben. Die Hausbesuche begannen direkt nach dem letzten Patienten am Mittag. Obwohl ich selbst der Allgemeinmedizin schon seit Beginn des Studiums zugewandt bin und auch im Notarztwagen-Wahlfach die ein oder andere Wohnung betreten durfte, war das eine Erfahrung, die für mich doch neu und auch aufregend war. Das Klientel, die Lebensumstände, die Ruhe auf dem Land, aber auch die Einsamkeit im Alter sind sicherlich nur einige Eindrücke, die man nicht in der Praxis und wahrscheinlich erst recht nicht in der Klinik so nah mitbekommt. Die Position, die ein Hausarzt hier einnimmt, ist oder kann eine sehr besondere sein für die es sich lohnt vorher zu wissen, ob und wie man sich darauf einlassen will.

Hineinwachsen

Nach den Hausbesuchen stand für mich eine längere Mittagspause an. Nachmittags bin ich dann wieder in die Praxis und letztendlich abends mit ganz neuen Eindrücken und Erfahrungen nach Lübeck zurückgekehrt. Mit der Zeit wurde mir auch mehr zugetraut. Auch die Frage, was ich denn in 10 bis 12 Jahren geplant habe, kam vielleicht in Zeiten des Ärztemangels auf dem Land nicht ganz unerwartet, zeigt aber auch dass man als Studierender, der sich auf das Praktikum einlässt und auch ein Eigenengagement zeigt, wertgeschätzt wird und nicht nur eine nützliche Hilfe für die Blutentnahmen auf der Station ist.

Blick auf die Berufsrealität

Insgesamt kann ich dem Praktikum sehr viel Gutes abgewinnen. Ich denke, dass dieses Praktikum seinen richtigen Platz zum richtigen Zeitpunkt hat. Es bietet jeden Studierenden die Möglichkeit auch über das bisher erlernte Können hinaus den Kontakt zum Patienten praktisch wahrnehmen zu können und damit einen möglichst realen Blick in die Arbeit des Hausarztes zu erlangen. Es hat für mich nicht nur den Zweck junge Studierende in die ländliche Umgebung zu bringen oder für das Fach Allgemeinmedizin zu begeistern. Ich denke, dass dieser Blick auf das persönliche Umfeld und auf die kleinen und großen Sorgen des Patienten auch für den angehenden Spezialisten ein wichtiger Eindruck ist. Die Allgemeinmedizin ist in den meisten Fällen der Koordinator für den Patienten, wo vieles beginnt und vieles endet. Dementsprechend müssen sich auch andere Fachbereiche mit der Arbeit des Hausarztes auseinandersetzen.

Daniel Hötker, Medizinstudent, Lübeck