Das Institut für Allgemeinmedizin der Universität Lübeck bietet für Medizinstudierende, die sich für eine landärztliche Tätigkeit interessieren, das Wahlfach „Rural und Remote Care“ an – beginnend ab dem zweiten Fachsemester bis zum Praktischen Jahr. Frederike Bensch hat mitgemacht und berichtet über ihre Erfahrungen in der Landarztpraxis Kibbel in Hassendorf (Kreis Ostholstein).

Landarzt werden? Nein, das war für mich bis dahin keine Karriereoption gewesen. Im Rahmen der Vorlesungsreihe „Klinische Medizin in der Vorklinik“ wurde uns von Prof. Steinhäuser dann „Rural und Remote Care“ als Wahlfach vorgestellt. Dass man in ländlichen Gegenden ein breiteres Spektrum an Erkrankungen behandelt, klang spannend – ebenso wie die Aussicht, endlich anwendungsbezogene, praktische Fähigkeiten zu erlernen. Meine Bewerbung war noch vor Ende des Vortrags abgesendet, innerhalb von wenigen Minuten war das neue Wahlfach bereits ausgebucht. Das Curriculum des Vorbereitungskurses orientiert sich an unseren Bedarfen: So haben wir die Chance, Lücken zu füllen, bei der Hospitation Erlebtes einzuordnen und Wissen zu vertiefen. Das macht das Lernen sehr spannend und effektiv. Untersuchungstechniken werden nicht nur gelehrt, sondern geübt: Wie bei einem Zirkeltraining können wir uns zwischen verschiedenen Stationen entscheiden, je nach Vorlieben und persönlichem Wiederholungsbedarf.


Vorbereitung

Zur Vorbereitung der Hospitationen werden wir 20 Studierenden des Wahlfachs durch Dozenten des Instituts für Allgemeinmedizin zu den Themen „Arzt-Patienten-Kommunikation“, „Untersuchungstechniken“ und „Durchführen von Prozeduren“ unterrichtet. Außerdem hatten wir regelmäßig Kontakt zu einer Hausarztpraxis im ländlichen Raum. Dort können wir z.B. auch immer wieder die gleichen Patienten sehen. So bekommen wir Einblicke in den „ländlichen Raum“, die Vielfalt der Allgemeinmedizin bis zur Kontinuität der Versorgung. Im Rahmen des Wahlfachs wagen wir Studenten uns dann zwei Tagen pro Semester aus den geschützten Vorlesungssälen der Universität zu Lübeck, um einen „Landarzt“ zu begleiten. Vorher haben wir in wöchentlichen Unterrichtsstunden die Chance, praktische Tätigkeiten zu trainieren. Da bestimmt nicht das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen das Curriculum, sondern wir. Die einzige Bedingung der Kurse ist, den Konjunktiv aus unserem Wortschatz zu streichen und anstelle des vertrauten Satzes „Ich würde jetzt …“ tatsächlich Stethoskop, Nadelhalter oder Ultraschallgerät in die Hand zu nehmen. Da es sich um eine bunt gemischte Gruppe aus allen Jahrgängen handelt, kann das besonders den Vorkliniker, schon etwas verunsichern – und begeistern.


Praxis erleben

Dann ist es soweit: Nachdem wir das erste zarte Eis in den Pferdetränken zerschlagen haben und ich fast über ein schneeweißes Küken gestolpert bin, betreten wir eine Scheune, in der meine Hospitationspraxis in Hassendorf integriert ist, denn dort wird seit zwei Generationen statt Landwirtschaft nun Allgemeinmedizin betrieben. Das Wartezimmer ist immer voll und im Sommer wartet deshalb so mancher Patient lieber draußen auf einer Picknickdecke unter dem Apfelbaum.Schnell wird klar:Im Studium steht man jedes Semester erneut vor einem Berg von Wissen, der bis zur nächsten Klausur ins Gedächtnis gedrillt wird. Im Gegensatz dazu hat man hier die Chance, neben der Entwicklung von Praxis und Patienten auch seinen eigenen Fortschritt zu erleben. Simple Erklärungen komplizierter Krankheiten, das Dabeisein bei ermutigend ehrlichen Palliativgespräche, das Miträtseln bei der Symptominterpretation und vor allem das Untersuchen geben einem das wichtige Handwerkszeug für das Leben nach der Uni. Kurzgesagt – man hat das Gefühl Arzt zu werden.

Erfahrungen und Erkenntnisse

„Häufiges ist häufig, Seltenes ist selten“ – gerade für mich als Vorklinikstudent war das Wahlfach einer der ersten Berührungspunkte mit praktischer Medizin. Es ist spannend zu sehen, mit welchen Problemen und Sorgen die Menschen tatsächlich zu ihrem Hausarzt gehen und ein Gefühl für die Häufigkeit und Relevanz von Krankheiten zu entwickeln. Auch die Beziehung zwischen Arzt und Patienten ist sehr beeindruckend. Auf dem Land kommen die Menschen über Jahrzehnte in dieselbe Praxis, der Umgang ist freundschaftlich, familiär und auf Augenhöhe. Im Bereich Kommunikation kann man hier viel mitnehmen für das spätere Berufsleben. Dasselbe gilt für fachliches Wissen: Im zweiten Semester staunt man, im dritten kennt man plötzlich die Namen der Arterien der Anatomiemodelle auf der Fensterbank. Kurz vor dem Physikum sind die wirren Linien auf dem EKG-Papier plötzlich die Handschrift eines schlagenden Herzens, ein halbes Jahr später fühlt sich das Abtasten eines Bauches schon fast routiniert an. Durch die langfristige Auslegung des Wahlfachs mit zwei Hospitationstagen pro Semester und begleitende Kurse zu Untersuchungstechniken, Prozeduren und Kommunikation bekommt man nicht nur einen faszinierenden Einblick in die Entwicklung der Beziehung von Praxis und Patienten, sondern auch in die eigene.

Frederike Bensch, Medizinstudentin, Lübeck